Durchschnittsmenschen wie ich

 

img_2410

Eigentlich dachte ich immer, ich sei etwas ganz besonderes. Wie ich darauf kam habe ich vergessen. Inzwischen musste ich allerdings feststellen, dass alle so denken. Jeder hält sich für einzigartig – mit Recht – und auf diese Weise sind wir doch alle wieder Durchschnitt. Mein Mann findet es beruhigend durchschnittlich zu sein. Er ist Linkshänder, rothaarig, Waldorfschüler und seine Eltern waren im Widerstand gegen Adolf. Er kann also gar nicht mitreden. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich, er sei Engländer oder Ire. Nicht nur wegen der roten Haare, sondern auch wegen seines lässigen Understatements, das auf mich irgendwie britisch wirkte und ihn wohltuend von denen unterschied, die sich ständig gegen die eigene Brust trommeln mussten. Er sah eben mit der Souveränität desjenigen, der zur Ausnahmeerscheinung geboren war, auf den Rest der Welt. Bevor er überhaupt ein Wort an mich gerichtet hatte, und das sollte länger dauern als ich mir zu jenem Zeitpunkt vorstellen mochte, hatte meine Intuition mich bereits auf diesen Mann festgelegt. Abgesehen von den romantischen Erklärungen, die sicher ihre Berechtigung haben, glaube ich, dass mein Unbewusstes mich aus kompensatorischen Gründen in seine Arme gesteuert hat. Als Ausgleich sozusagen.

Denn bei mir ist doch alles ganz anders. Ich bin Rechtshänderin wie alle, aschblond wie die Meisten, ich fiel in der Schule vor allem durch Schwatzen, weniger durch Leistung auf wie Viele, und meine Großeltern waren Nazis wie damals fast alle. Meine Freundinnen haben wie ich vom Schrecken der Bombennächte traumatisierte Mütter, die bis heute die Zähne zusammen beißen, um ihre Wut und Panik und sicher noch viel mehr zurückzuhalten. Ein deutsches Jungmädel friert nicht. Angst und Gefühle überhaupt sind für sie tief drinnen bis heute eine Schwäche, und wer mag denn Schwäche zeigen, der in einer so bedrohlichen Welt Kind gewesen ist? Wir verstehen unsere Mütter. Heute, nach Jahren von Selbsterfahrungsgruppen, spirituellem Suchen und Yogi Tees. Trotzdem wäre es schöner gewesen, hätten sie ihre Angst zugeben können, denn dann hätten wir sie nicht stellvertretend übernehmen müssen. Ganz automatisch, still und unbemerkt wurde sie uns unter dem Küchentisch rüber geschoben. Und über dem Tisch hieß es, iss auf und sei froh, dass du was auf dem Teller hast. Das war Anfang der 50iger.

Die Angst vor dem Krieg, den ich selber nie erlebt hatte, begleitete meine Kindheit. Sie legte sich auf dunkle Kellertreppen, umgab das Elternhaus, wenn ich allein war und ließ es in meinen Träumen in grellen Farben explodieren. Sprechen konnte ich darüber nicht, schließlich wollte ich weder ausgelacht noch für verrückt erklärt werden. Das ist doch alles Hysterie. Mit diesen Worten wischte mein Vater Gefühle vom Tisch, die ihm irgendwie unangenehm waren. So, als wüsste ich doch in Wirklichkeit auch, dass meine Ängste nur eingebildet und völlig überdreht seien. Und ich wollte ihm doch unbedingt gefallen. Mein Vater war der Fixstern meiner kindlichen Gefühlswelt.

Er hatte Schwimmerstatur, konnte Schmetterlingsstil sogar in der Nordsee gegen Brandung, und war Flüchtling aus dem Osten. Bevor er als letzter Jahrgang mit 16 Jahren eingezogen wurde, hatte er die wesentlichen Werke von Nietzsche, Schopenhauer und Kleist bereits gelesen, der Legende nach auch verstanden und die SS Tätowierung unter dem Arm. Bei seinem Bemühen, das Erlebte dann zu vergessen oder doch wenigstens zu vernebeln, haben die Philosophen offensichtlich versagt, hilfreich waren schon eher Alkohol, Zigaretten und Frauen. Alles immer in großen Mengen, denn mein Vater war ein Mensch großer Gefühle. Und wie es nun mal so ist mit den Rauschmitteln, musste er die Dosierung im Laufe seines Lebens immer mehr steigern, um die erwünschte Wirkung zu erzielen. Immerhin ist er trotz 80 Zigaretten täglich, einer salonfähigen, gut eingependelten Alkoholabhängigkeit und seines überaus anstrengenden Liebeslebens – parallel zur Ehe mit meiner Mutter, versteht sich – doch 58 Jahre alt geworden. Mein Vater ist an den Spätfolgen des zweiten Weltkrieges gestorben, der zu einem ungünstigen Zeitpunkt auf das junge Leben eines sensiblen Mannes traf. Aber man muss sicher nicht besonders sensibel sein, um von den Schrecken des Krieges krank zu werden. Insofern auch hier wieder alles ziemlich normal für seine Zeit.

Natürlich habe ich, bevor ich meinen Ausnahmemann traf, versucht, mich ganz entschieden gegen die bürgerliche Familie zu stellen. Überhaupt, das Bürgertum. Die Doppelmoral. Wer auf sich hielt, wandte sich davon ab. Es musste doch Alternativen geben zur Angst und dem Zähne zusammen beißen. Natürlich gab es die! Ich musste mich nur einmal losreißen von den Erwartungen der Familie, insbesondere des Vaters und dann, nach einer kurzen, großen Unsicherheit, leuchtete ich, wenn auch ziemlich orientierungslos, neue Bezirke aus. Ich pilgerte durch die WGs des Univiertels, lernte, dass Rülpsen okay ist, das Klo keinen Schlüssel brauchte, der dialektische Materialismus schwer zu verstehen aber ein absolutes Muss ist, man auch mal Oben Ohne die Wohnungstür öffnen kann, wenn gerade kein Pulli zur Hand ist. Meine Güte, was für ein Aufatmen! Das Anarchische lag mir.

Auf die politischen WGs folgten die psychologischen, die waren anstrengend. Ich wurde aufgefordert, meine großbürgerlichen Gewohnheiten wie gelegentliches Shoppen aufzugeben. Es hieß, ich kompensiere damit irgendetwas anderes Schmerzliches. Ich fühlte mich schuldig. Aber ich bin gerne schick. Schwierig fand ich auch den Anspruch nur und immer authentisch sein zu müssen. Die meisten Psychologie-Studentinnen hatten Soziologie im Nebenfach und meinen Vater als Prüfer gewählt. Immer öfter war ich mit kichernden Blondinen meines Alters konfrontiert, sobald sie meinen Nachnamen hörten. Wäre ich in diesen Momenten authentisch geblieben, hätte sich die ganze Wut über diesen fortwährenden, peinlichen Betrug an meiner Mutter, die zu Hause saß und die Zähne zusammen biss, über diese albernen Mädchen entladen. So aber bin ich einfach nur gegangen, bevor sie ihre Affäre mit meinem Vater dem Freund zuende ins Ohr getuschelt hatten. Ich habe mich geschüttelt und mit den fünf Psychologen meiner WG nie darüber gesprochen.

Auf die psychologischen folgten dann die spirituellen WGs. Das war in mehr als einer Hinsicht ein Quantensprung. Hier ging es ums Ganze. Ich nahm einen neuen Namen an, kleidete mich in Orange, ließ meinen ersten beruflichen Erfolg, der auf eine Karriere hoffen ließ, sausen, und verschmolz im fernen Indien mit dem Rest der Menschheit. Glückseligkeit. Heim kommen. Für eine Zeit. Die orangene Familie aber erwies sich als bindungsunfähig, sie war ihrem Wesen nach nicht dazu geschaffen Verbindlichkeit einzugehen.

Ich war am Ende angekommen. Familien-alternativlos.

Und dann begegnete ich, am Rande dieses orangenen Ashrams, dem Linkshänder mit roten Haaren, dem Zähne zusammen beißen fremd ist, der mit einer Abscheu vor Uniformiertheit und preußischen Werten aufgewachsen ist. Inzwischen leben wir dreißig Jahre zusammen, haben zwei Töchter und probieren Familie so gut wie es eben gehen kann.

Dies ist der autobiografische Rahmen, aus dem sich Geschichten entwickelt haben. Nicht alle sind mir passiert, nicht alle sind überhaupt passiert, aber sie hätten sich so abspielen können unter Durchschnittsmenschen wie mir.

 

Schlafstörungen

 

img_1695

Nachts halb drei auf einer Bundesstrasse in Nordfriesland. Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe des Polizeiwagens. Der Beamte am Steuer kneift die müden Augen zusammen, man sieht so gut wie nichts mehr. Er ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste, diese Einsätze nachts kosten ihn wertvolle Stunden des nächsten Tages und dabei kommt morgen Besuch und seine Frau hat zwei Tage dafür gebacken. „Da musst du nu durch, Jürgen.“ Der Kollege auf dem Beifahrersitz kramt seinen Zettel mit den Einsatzdaten heraus: Verdächtiges Fahrzeug, Achter’n Diek in Norderhöft.„Hier rechts!“ Jürgen nimmt den Fuß vom Gas und kriegt gerade noch die Kurve. Er kennt hier jede Hecke, aber nachts bei diesem Wetter kann man sich schon mal vertun mit den Entfernungen. „Sommer kenn ich anders.“ Bei langsamer Fahrt durch das schlafende Dorf und dann immer weiter am Deich längs rätseln die Kollegen über den Sinn ihres Tuns. Achter’n Diek, da haben sich doch die Leute aus Hamburg den alten Jönshof ausgebaut. Schauspieler oder so. Jedenfalls vom Fernsehen. Oder Radio? Deren Nachbarin jedenfalls, die alte Siemsen, die sie alarmiert hat, wohnt mindestens 400 Meter weit weg von denen. Wie konnte die mitten in der Nacht ein verdächtiges Fahrzeug erkennen? „Die muss wieder mit ihrem Nachtglas zugange gewesen sein.“ – „ Is nich ihrs, is das von ihrem Mann. Und der is seit 10 Jahren tot.“ – „Na und? Is doch gut, wenn die Leute aufeinander aufpassen.“ – „So kann man das auch nennen.“ Irgendwo rechts vor ihnen, tauchen verschwommen Lichter auf. Der alte Jönshof ist noch wach. „ Da is er!“ Neben einem unbeleuchteten Mercedes halten sie an und steigen in aller Ruhe aus. Die alten Knochen wollen nach langem Sitzen im Auto erstmal vorsichtig gedehnt werden. Jürgen deutet mit einer minimalen Kopfbewegung auf die schlafende Gestalt hinter dem Steuer der eleganten Limousine. Der Kollege leuchtet dem Schlafenden gnadenlos mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. Sie nehmen Haltung an. „Na, denn wollen wir mal.“

Trixi hat ihren Kopf tief in die Kissen gewühlt. Zwischen ihren wirren, blonden Locken ist ihr Gesicht kaum erkennbar. Der einzige Hinweis auf ihr Alter und einen verpassten Friseurbesuch ist der Schimmer ihrer nachwachsenden, grauen Strähnen am Haaransatz. Ansonsten ist Trixi unter voluminösem Bettzeug mit freundlichem Blümchenmuster völlig verschwunden. Neben ihr, auf der unberührten Hälfte des Doppelbettes hat sich eine getigerte Katze zum Schlafen eingerollt. Trixi liegt bewegungslos wie die Katze, aber sie schläft nicht. Noch nicht. Sie konzentriert sich seit etwa einer Stunde auf den Rhythmus ihres Herzschlags, der wegen der Stöpsel in ihren Ohren überlaut von Innen pocht und sich mit den dumpf dröhnenden Bässen aus Jans Tonstudio hinten in der Diele ungünstig mischt. Da entstehen immer wieder unerwartete Pausen und Synkopen, die ein sanftes Hinübersegeln in den ersehnten Schlaf schwierig machen. Trixi gibt sich der Lage ganz und gar hin und wartet. Nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten Ehe mit einem Musiker weiß sie, irgendwann gibt ihr Körper auf, findet seinen eigenen Rhythmus und entlässt sie aus ihren Gedanken um Geld, Haus, Kinder und die hartnäckigen Comeback-Versuche ihres Mannes in einen erholsamen Schlaf, aus dem sie allmorgendlich mit dem unerschütterlichen Optimismus erwacht, mit dem sie ihre Familie zuverlässig auf Kurs hält. Immer schon.

Happy end ist ihr Credo. Unglückliche Lebensumstände sind für Trixi nur eine Herausforderung an den persönlichen Handlungswillen und vor allem, eine Sache der Interpretation. Glück fordert den Mut zum Risiko, in der Sicherheit des Unglücklichseins kann sich jeder mehr oder weniger bequem einrichten: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ich habe ja nichts mehr zu verlieren.

Im Sinne ihrer zentralen Glaubenssätze hat sie nicht nur ihre beiden Töchter erzogen und ihren Mann energisch aus wiederkehrenden Schaffenskrisen getrieben, sie sind das Herzstück ihres beruflichen Erfolges. Trixi schreibt Liebesromane und das mit leichter Hand und ehrlicher Überzeugung. Ihre vornehmlich weibliche Leserschaft folgt den Helden ihrer Geschichten seit langen Jahren treu durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, denn sie können sicher sein, am Ende reiten Prinz und Prinzessin glücklich in den Sonnenuntergang. Alles wird gut.

Seit einiger Zeit, seit sie für ihr strahlendes Blond alle sechs Wochen hundertzwanzig Euro beim Friseur lassen muss, und neulich beim Betrachten eines Fotos feststellen musste, dass ihre oberen Schneidezähne durch lebenslangen Gebrauch offensichtlich kürzer geworden sind, seitdem schleicht sich in Trixis Licht durchflutete Gedankenwelt eine neue störende Gestalt ein. Die irgendwie vertraute und gleichzeitig beunruhigende Präsenz des Todes. Trixi spricht mit niemandem darüber, aber für sich selbst hat sie das Gefühl an einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben zu stehen, denn die Frage, die sich ihr aufdrängt, konnte sie noch nicht befriedigend beantworten: Kann man sich den Tod als Happy end vorstellen? Mit ausgefahrenen Krallen und einem wütenden Schrei landet die Katze erst auf, dann neben Trixis Kopf und sucht Deckung in ihrer wirren Mähne. „ Da stehen zwei Polizisten vor der Tür!“ Jan steht mit seinen schlaksigen ein Meter neunzig vor dem Bett und fixiert wütend die Katze, die ihrerseits giftig zurückfunkelt und in diesem Machtkampf des bösen Blickes deutlich vorne liegt. Es ist offensichtlich, dass man sich nicht besonders mag. „Ich will nicht, dass dieses Tier in meinem Bett schläft!“ Trixi kommt erschrocken aus ihrer Zwischenwelt hoch und zieht sich die Stöpsel aus den Ohren. „Polizei?“ – „Die wollen mit irgendwem reden.“

Die beiden Polizeibeamten stehen im Regen vor der geöffneten Haustür. Vom Reetdach tropft es unbarmherzig herab auf ihre Uniformmützen. In ihrer Mitte steht ein starker Kerl im dunklen Anzug, der sich bemüht, die Wirkung seines mächtigen Körpers durch ein verbindliches Lächeln auszugleichen. Das Wasser läuft ihm in kleinen Rinnsalen von Nase und Kinn, dieses Lächeln ist seiner Lage also ganz und gar unangemessen. Trixi erscheint barfuss in ihrem weißen Morgenmantel an der Tür. Die Haare stehen ihr zu Berge. „ Ist was passiert?“ Jürgen tippt sich grüßend mit dem Zeigefinger an die Uniformmütze. „Noch nicht.“ Trixi atmet halbwegs erleichtert durch und bittet die Männer herein. Jan verschwindet wieder hinten in seinem Tonstudio und überlässt wie immer den Kontakt mit der Welt da draußen seiner Frau. Trixi hofft, dass er eine Gedankenpause einlegt in der Arbeit mit seiner musikalischen Neuentdeckung. Sie braucht jetzt mal einen Moment Ruhe. Der Mann im Anzug wischt sich kurz das Wasser aus dem Gesicht und streckt ihr seine nasse Hand dann entgegen.„Kurt. Angenehmen.“ Trixi sieht die Polizisten irritiert an, während sie Kurt in höflicher Reaktion ihre Hand drücken lässt. Kurt, so erklären die Beamten, sei aufgefallen, weil er seit Stunden ihren Hof vom Wagen aus beobachte. Das müsse man nun überprüfen, weil andernfalls…Kurt’s Geduld ist mit dem nordfriesischen Redetempo der Polizisten überfordert. „ Ick bin der Bodyguard von Joachim Menders.“ Erwartungsvoll sieht er Trixi an, aber die reagiert nicht. „Was…? Wer ?“ Kurt wird langsam pampig. „Der liegt jetze bei ihrer Tochter im Bett, nehm ick mal an.“ Der Mann ist ihr unangenehm. Jemand, der ihr erzählen will, wer bei einer ihrer Töchter im Bett liegt und glaubt, das wisse sie nicht, hat bei Trixi schon verloren. Die Katze durchschreitet hoch erhobenen Schwanzes die Diele, ohne die Anwesenden eines Blickes zu würdigen, lässt sich ganz hinten, auf dem Fenstersims neben dem Großen Dielentor nieder und schaut hinaus ins Dunkel. Eine kurze Lektion in Sachen Souveränität an die Hausherrin. Doch die hat das nicht bemerkt. „Cassandra!“ Trixis Alarmton hallt hinauf in das Obergeschoss.

Augenblicke später erscheint ihre Tochter mit Freund Joe an der Hand in der Diele. Beide barfuss, verschlafen, in Boxershorts und mit roten T-shirts, auf denen je zwei schwarze Großbuchstaben der Welt mitteilen, was sie von ihr halten: N und O. NO! Kurt grinst selbstzufrieden bei dem Anblick des jungen Paares. „Da ist er ja.“ Der schmächtige Junge, dem die halblangen Haare weich bis auf die Schultern fallen, wirkt seltsam unberührt. „Hallo Kurt.“ Die Polizisten ziehen aufgrund dieser vertraulichen Begrüßung kurz die Augenbrauen hoch, Trixi wird nervös, Cassandra bittet Joe um Erklärung. „Was soll das hier?“ – „ Das ist mein Bodyguard.“ Cassandra kreischt hysterisch auf. „ Krass!“ Joe bleibt bei seinem Gleichmut. Trixi ist das irgendwie unsympathisch. Unter all den Jungs und Männern, die Cassandra ihnen in den Semesterferien oder mal an Wochenenden präsentiert hat – und das waren, weiß Gott, einige – war keiner so cool wie Joe. Und dabei wirkt er so zart und unsicher. Joe ist eine Spur zu lässig, fast wirkt er auf Trixi wie einer, der ein schweres Schicksal zu tragen gelernt und keine Kraft mehr für Aufregung hat. „Mein Vater arbeitet bei einer Bank. Kurt ist mein Aufpasser wegen Entführung und so. Lösegeld, der ganze Scheiß.“ Kurt korrigiert an dieser Stelle kurz, der Vater arbeite nicht bei einer Bank, ihm gehöre die Bank. Cassandra schießen Tränen in die Augen: „Und wieso weiß ich das nicht?!“ Genau das hat Trixi befürchtet. Ihrer Tochter ist die Bank egal, ihr ist Kurt egal, sie reagiert nur auf eins, dass Joe sie belogen hat. Immerhin, Joe verteidigt sich: „Hab ich Bock mit so einem miesen Image rumzulaufen? Ich bin voll links, eye!“ Trixi versteht ihn in diesem Punkt, Cassandra nicht. Sie wendet sich ab, stapft die Treppe nach oben, wobei jeder Schritt die Wucht ihrer Kränkung auf das alte Eichenholz überträgt. Oben angekommen knallt sie lautstark die Tür hinter sich zu. Die wütende Stimme ihrer Schwester ist auch unten in der Diele gut zu hören. „ Kann hier mal EINER Rücksicht auf Schüler nehmen?! “

Vier übermüdet aussehende Musiker werden von Jan an der Haustür in die Nacht entlassen. Die Polizisten sehen ihnen kurz befremdet nach, dann verabschieden sie sich auch und verlassen mit Kurt das Haus. „Nichts für ungut.“ – „ Allet klar, Jungs. Ihr tut ja auch nur eure Pflicht, wa.“

Jan brüht in der Küche noch ihren Nachttee auf. Thymian mit etwas Lavendelblüten und Zitronenmelisse, geerntet in Trixis Küchengarten an der Ostseite, gleich hinter der Frühstücks-Terrasse. Diesmal hat er ein glückliches Händchen, diese Produktion ist neu und frisch, die Musiker Profis und der Komponist voll im Trend. Jan ist zufrieden soweit. „Was wollten die Polizisten eigentlich?“ – „Liebster, deine Tochter schläft mit einem Bankierssohn.“ – „ Ach. – Ist das jetzt ein Straftatbestand?“ – „ Nee, aber schlecht für’s Image.“ – „Und ich dachte, sie ist mit diesem Joe.“

Es ist vier Uhr morgens, die Musik ist aus und Trixi ist hellwach.