Schlafstörungen

 

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Nachts halb drei auf einer Bundesstrasse in Nordfriesland. Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe des Polizeiwagens. Der Beamte am Steuer kneift die müden Augen zusammen, man sieht so gut wie nichts mehr. Er ist schließlich auch nicht mehr der Jüngste, diese Einsätze nachts kosten ihn wertvolle Stunden des nächsten Tages und dabei kommt morgen Besuch und seine Frau hat zwei Tage dafür gebacken. „Da musst du nu durch, Jürgen.“ Der Kollege auf dem Beifahrersitz kramt seinen Zettel mit den Einsatzdaten heraus: Verdächtiges Fahrzeug, Achter’n Diek in Norderhöft.„Hier rechts!“ Jürgen nimmt den Fuß vom Gas und kriegt gerade noch die Kurve. Er kennt hier jede Hecke, aber nachts bei diesem Wetter kann man sich schon mal vertun mit den Entfernungen. „Sommer kenn ich anders.“ Bei langsamer Fahrt durch das schlafende Dorf und dann immer weiter am Deich längs rätseln die Kollegen über den Sinn ihres Tuns. Achter’n Diek, da haben sich doch die Leute aus Hamburg den alten Jönshof ausgebaut. Schauspieler oder so. Jedenfalls vom Fernsehen. Oder Radio? Deren Nachbarin jedenfalls, die alte Siemsen, die sie alarmiert hat, wohnt mindestens 400 Meter weit weg von denen. Wie konnte die mitten in der Nacht ein verdächtiges Fahrzeug erkennen? „Die muss wieder mit ihrem Nachtglas zugange gewesen sein.“ – „ Is nich ihrs, is das von ihrem Mann. Und der is seit 10 Jahren tot.“ – „Na und? Is doch gut, wenn die Leute aufeinander aufpassen.“ – „So kann man das auch nennen.“ Irgendwo rechts vor ihnen, tauchen verschwommen Lichter auf. Der alte Jönshof ist noch wach. „ Da is er!“ Neben einem unbeleuchteten Mercedes halten sie an und steigen in aller Ruhe aus. Die alten Knochen wollen nach langem Sitzen im Auto erstmal vorsichtig gedehnt werden. Jürgen deutet mit einer minimalen Kopfbewegung auf die schlafende Gestalt hinter dem Steuer der eleganten Limousine. Der Kollege leuchtet dem Schlafenden gnadenlos mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. Sie nehmen Haltung an. „Na, denn wollen wir mal.“

Trixi hat ihren Kopf tief in die Kissen gewühlt. Zwischen ihren wirren, blonden Locken ist ihr Gesicht kaum erkennbar. Der einzige Hinweis auf ihr Alter und einen verpassten Friseurbesuch ist der Schimmer ihrer nachwachsenden, grauen Strähnen am Haaransatz. Ansonsten ist Trixi unter voluminösem Bettzeug mit freundlichem Blümchenmuster völlig verschwunden. Neben ihr, auf der unberührten Hälfte des Doppelbettes hat sich eine getigerte Katze zum Schlafen eingerollt. Trixi liegt bewegungslos wie die Katze, aber sie schläft nicht. Noch nicht. Sie konzentriert sich seit etwa einer Stunde auf den Rhythmus ihres Herzschlags, der wegen der Stöpsel in ihren Ohren überlaut von Innen pocht und sich mit den dumpf dröhnenden Bässen aus Jans Tonstudio hinten in der Diele ungünstig mischt. Da entstehen immer wieder unerwartete Pausen und Synkopen, die ein sanftes Hinübersegeln in den ersehnten Schlaf schwierig machen. Trixi gibt sich der Lage ganz und gar hin und wartet. Nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten Ehe mit einem Musiker weiß sie, irgendwann gibt ihr Körper auf, findet seinen eigenen Rhythmus und entlässt sie aus ihren Gedanken um Geld, Haus, Kinder und die hartnäckigen Comeback-Versuche ihres Mannes in einen erholsamen Schlaf, aus dem sie allmorgendlich mit dem unerschütterlichen Optimismus erwacht, mit dem sie ihre Familie zuverlässig auf Kurs hält. Immer schon.

Happy end ist ihr Credo. Unglückliche Lebensumstände sind für Trixi nur eine Herausforderung an den persönlichen Handlungswillen und vor allem, eine Sache der Interpretation. Glück fordert den Mut zum Risiko, in der Sicherheit des Unglücklichseins kann sich jeder mehr oder weniger bequem einrichten: Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ich habe ja nichts mehr zu verlieren.

Im Sinne ihrer zentralen Glaubenssätze hat sie nicht nur ihre beiden Töchter erzogen und ihren Mann energisch aus wiederkehrenden Schaffenskrisen getrieben, sie sind das Herzstück ihres beruflichen Erfolges. Trixi schreibt Liebesromane und das mit leichter Hand und ehrlicher Überzeugung. Ihre vornehmlich weibliche Leserschaft folgt den Helden ihrer Geschichten seit langen Jahren treu durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, denn sie können sicher sein, am Ende reiten Prinz und Prinzessin glücklich in den Sonnenuntergang. Alles wird gut.

Seit einiger Zeit, seit sie für ihr strahlendes Blond alle sechs Wochen hundertzwanzig Euro beim Friseur lassen muss, und neulich beim Betrachten eines Fotos feststellen musste, dass ihre oberen Schneidezähne durch lebenslangen Gebrauch offensichtlich kürzer geworden sind, seitdem schleicht sich in Trixis Licht durchflutete Gedankenwelt eine neue störende Gestalt ein. Die irgendwie vertraute und gleichzeitig beunruhigende Präsenz des Todes. Trixi spricht mit niemandem darüber, aber für sich selbst hat sie das Gefühl an einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben zu stehen, denn die Frage, die sich ihr aufdrängt, konnte sie noch nicht befriedigend beantworten: Kann man sich den Tod als Happy end vorstellen? Mit ausgefahrenen Krallen und einem wütenden Schrei landet die Katze erst auf, dann neben Trixis Kopf und sucht Deckung in ihrer wirren Mähne. „ Da stehen zwei Polizisten vor der Tür!“ Jan steht mit seinen schlaksigen ein Meter neunzig vor dem Bett und fixiert wütend die Katze, die ihrerseits giftig zurückfunkelt und in diesem Machtkampf des bösen Blickes deutlich vorne liegt. Es ist offensichtlich, dass man sich nicht besonders mag. „Ich will nicht, dass dieses Tier in meinem Bett schläft!“ Trixi kommt erschrocken aus ihrer Zwischenwelt hoch und zieht sich die Stöpsel aus den Ohren. „Polizei?“ – „Die wollen mit irgendwem reden.“

Die beiden Polizeibeamten stehen im Regen vor der geöffneten Haustür. Vom Reetdach tropft es unbarmherzig herab auf ihre Uniformmützen. In ihrer Mitte steht ein starker Kerl im dunklen Anzug, der sich bemüht, die Wirkung seines mächtigen Körpers durch ein verbindliches Lächeln auszugleichen. Das Wasser läuft ihm in kleinen Rinnsalen von Nase und Kinn, dieses Lächeln ist seiner Lage also ganz und gar unangemessen. Trixi erscheint barfuss in ihrem weißen Morgenmantel an der Tür. Die Haare stehen ihr zu Berge. „ Ist was passiert?“ Jürgen tippt sich grüßend mit dem Zeigefinger an die Uniformmütze. „Noch nicht.“ Trixi atmet halbwegs erleichtert durch und bittet die Männer herein. Jan verschwindet wieder hinten in seinem Tonstudio und überlässt wie immer den Kontakt mit der Welt da draußen seiner Frau. Trixi hofft, dass er eine Gedankenpause einlegt in der Arbeit mit seiner musikalischen Neuentdeckung. Sie braucht jetzt mal einen Moment Ruhe. Der Mann im Anzug wischt sich kurz das Wasser aus dem Gesicht und streckt ihr seine nasse Hand dann entgegen.„Kurt. Angenehmen.“ Trixi sieht die Polizisten irritiert an, während sie Kurt in höflicher Reaktion ihre Hand drücken lässt. Kurt, so erklären die Beamten, sei aufgefallen, weil er seit Stunden ihren Hof vom Wagen aus beobachte. Das müsse man nun überprüfen, weil andernfalls…Kurt’s Geduld ist mit dem nordfriesischen Redetempo der Polizisten überfordert. „ Ick bin der Bodyguard von Joachim Menders.“ Erwartungsvoll sieht er Trixi an, aber die reagiert nicht. „Was…? Wer ?“ Kurt wird langsam pampig. „Der liegt jetze bei ihrer Tochter im Bett, nehm ick mal an.“ Der Mann ist ihr unangenehm. Jemand, der ihr erzählen will, wer bei einer ihrer Töchter im Bett liegt und glaubt, das wisse sie nicht, hat bei Trixi schon verloren. Die Katze durchschreitet hoch erhobenen Schwanzes die Diele, ohne die Anwesenden eines Blickes zu würdigen, lässt sich ganz hinten, auf dem Fenstersims neben dem Großen Dielentor nieder und schaut hinaus ins Dunkel. Eine kurze Lektion in Sachen Souveränität an die Hausherrin. Doch die hat das nicht bemerkt. „Cassandra!“ Trixis Alarmton hallt hinauf in das Obergeschoss.

Augenblicke später erscheint ihre Tochter mit Freund Joe an der Hand in der Diele. Beide barfuss, verschlafen, in Boxershorts und mit roten T-shirts, auf denen je zwei schwarze Großbuchstaben der Welt mitteilen, was sie von ihr halten: N und O. NO! Kurt grinst selbstzufrieden bei dem Anblick des jungen Paares. „Da ist er ja.“ Der schmächtige Junge, dem die halblangen Haare weich bis auf die Schultern fallen, wirkt seltsam unberührt. „Hallo Kurt.“ Die Polizisten ziehen aufgrund dieser vertraulichen Begrüßung kurz die Augenbrauen hoch, Trixi wird nervös, Cassandra bittet Joe um Erklärung. „Was soll das hier?“ – „ Das ist mein Bodyguard.“ Cassandra kreischt hysterisch auf. „ Krass!“ Joe bleibt bei seinem Gleichmut. Trixi ist das irgendwie unsympathisch. Unter all den Jungs und Männern, die Cassandra ihnen in den Semesterferien oder mal an Wochenenden präsentiert hat – und das waren, weiß Gott, einige – war keiner so cool wie Joe. Und dabei wirkt er so zart und unsicher. Joe ist eine Spur zu lässig, fast wirkt er auf Trixi wie einer, der ein schweres Schicksal zu tragen gelernt und keine Kraft mehr für Aufregung hat. „Mein Vater arbeitet bei einer Bank. Kurt ist mein Aufpasser wegen Entführung und so. Lösegeld, der ganze Scheiß.“ Kurt korrigiert an dieser Stelle kurz, der Vater arbeite nicht bei einer Bank, ihm gehöre die Bank. Cassandra schießen Tränen in die Augen: „Und wieso weiß ich das nicht?!“ Genau das hat Trixi befürchtet. Ihrer Tochter ist die Bank egal, ihr ist Kurt egal, sie reagiert nur auf eins, dass Joe sie belogen hat. Immerhin, Joe verteidigt sich: „Hab ich Bock mit so einem miesen Image rumzulaufen? Ich bin voll links, eye!“ Trixi versteht ihn in diesem Punkt, Cassandra nicht. Sie wendet sich ab, stapft die Treppe nach oben, wobei jeder Schritt die Wucht ihrer Kränkung auf das alte Eichenholz überträgt. Oben angekommen knallt sie lautstark die Tür hinter sich zu. Die wütende Stimme ihrer Schwester ist auch unten in der Diele gut zu hören. „ Kann hier mal EINER Rücksicht auf Schüler nehmen?! “

Vier übermüdet aussehende Musiker werden von Jan an der Haustür in die Nacht entlassen. Die Polizisten sehen ihnen kurz befremdet nach, dann verabschieden sie sich auch und verlassen mit Kurt das Haus. „Nichts für ungut.“ – „ Allet klar, Jungs. Ihr tut ja auch nur eure Pflicht, wa.“

Jan brüht in der Küche noch ihren Nachttee auf. Thymian mit etwas Lavendelblüten und Zitronenmelisse, geerntet in Trixis Küchengarten an der Ostseite, gleich hinter der Frühstücks-Terrasse. Diesmal hat er ein glückliches Händchen, diese Produktion ist neu und frisch, die Musiker Profis und der Komponist voll im Trend. Jan ist zufrieden soweit. „Was wollten die Polizisten eigentlich?“ – „Liebster, deine Tochter schläft mit einem Bankierssohn.“ – „ Ach. – Ist das jetzt ein Straftatbestand?“ – „ Nee, aber schlecht für’s Image.“ – „Und ich dachte, sie ist mit diesem Joe.“

Es ist vier Uhr morgens, die Musik ist aus und Trixi ist hellwach.

 

 

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